Von Marktschreiern, Angsthasen und falschen Propheten

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Unser Land wird überrannt.

Wirklich wahr.

Heerschaaren armutbringender Heuschrecken fallen zu Millionen in unsere Wohnsiedlungen ein – plündern, brandschatzen und hinterlassen nichts als Wehklagen und verkohlte Erde. Unsere Kinder kriegen keine Jobs mehr und unsere Arbeitslosen müssen hungern. Oder war es anders herum? Oh, und in spätestens drei Jahren müssen wir uns alle fünfmal am Tag mit dem Kompass in den Dreck werfen – das ist Fakt!

Zumindest suggeriert das eine explorative Recherche im sozialen Netzwerk Facebook. Die dort wie auch anderswo anwesende Expertenrunde klärt Bedürftige schnell und umfassend über das Top-Thema dieser Wochen auf: Es geht natürlich um Flüchtlinge. Oder auch Schmarotzer, wie sie gern bezeichnet werden. Was als Maler, Hausfrauen oder Schüler getarnte Wirtschafts- und Islamwissenschaftler im Internet zurzeit an Wissen preisgeben, kann wirklich schockieren. Zu Hunderttausenden strömen die angeblich Kriegsflüchtigen aus Syrien und dessen Anrainern nach Deutschland. Sie besetzen Schulen und andere, von Steuergeldern finanzierte, öffentliche Gebäude und vertreiben was auch immer dort ansonsten residierte. In mehreren Fällen sind dies vor allem Kinder, die warum auch immer in diesen, unseren Investitionen herumlungerten. Die Schmarotzer aus der Wüste Arabiens lassen sich auf Kosten der Kommunen durchfüttern, hängen an öffentlichen Plätzen ab, weigern sich, unsere Sprache zu lernen, nehmen Sozialleistungen in Anspruch, die ausschließlich für aufrechte Deutsche gedacht sind, und nehmen aufrechten Deutschen gleichzeitig die Arbeitsplätze weg. Himmel, ganze Wohnsiedlungen sind im Wert herabgestuft worden, weil die Kita „Morgenröte“ (oder so ähnlich) in der Nachbarschaft von den Mullahs besetzt wurde. Die armen Kindelein der Kita müssen jetzt ein tristes und mit Sicherheit unterernährtes Dasein in Containern auf einem Parkplatz fristen.

Wer glaubt, dieser Scheisshaufen von Polemik, den nur der Darmtrakt eines NPD-Politikers hätte ausscheiden können, der sich zeitlebens von den Eiern von FDP-Jünglingen ernährte, sei übertrieben, der irrt – aber gewaltig.

Tatsächlich ist das Netz voll von Hetze. Gut, das war es schon immer, doch eher selten derart einig. Die „Asi-lanten“, „Kanaken“ und „Mullahs“, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, scheinen einen Hass zu provozieren, gegen den die Begegnung eines Homosexuellen mit Militärs auf dem roten Platz in Moskau wie Gruppenkuscheln bei den Teletubbies aussieht. Doch warum? Des Deutschen Gemüt ist doch sonst mehr der stillen Echauffage zugeneigt. Ertrugen wir nicht still verbittert die Einführung der Studiengebühren? Auch der (#)Aufschrei zur Vorratsdatenspeicherung (immerhin der massivste Eingriff in die Privatsphäre der Deutschen seit der Stasi – und noch viel weitreichender) umsäuselte die tauben Ohren der Bundesregierung eher sanft. Und nicht zu vergessen: Dass unsere Bundeswehr, das Bollwerk aller junger Männer, die Lernen müssen, akkurat zu falten, akkurat Sandsäcke zu legen und akkakutat ssu saufff’n mit kaputten Helikoptern fliegen, schrottigen Panzern fahren und schiefen Gewehren schießen sollen, während ihnen missgebildete Drohnenmutanten auf die Schädel fallen, wurde auch eher mit leisem Spott als angemessener Unruhe geahndet.

Warum nun also diese dem deutsch-eingeschlafenen Wesen nicht angemessene Reaktion? Die Antwort besteht aus drei Komponenten: irrationale Angst, rationale Angst und Marktschreier. Natürlich möchte ich nicht die ehrbare Gilde der Marktverkäufer verschubladen. Der Marktschreier ist bitte als Metapher zu verstehen. Doch der Reihe nach: Am Anfang jeder Panik steht irrationale Angst. Das hat wahrscheinlich jeder schon mal erlebt – verlässt man beispielsweise eine Veranstaltungsstätte und die kleinen Ausgangstore scheinen winzig und nicht passend für die Menschenmassen, die gerade versuchen, sich hindurch zu quetschen. Was wenn jetzt jemand durchdreht? Ein leichter Schauer meldet sich, obgleich alle Menschen fröhlich und entspannt sind. Ähnlich ist die Situation in unserer Wohnsiedlung. Die Kommune kündigt an, dass ein paar Leute zu Besuch kommen. Fremde Leute, die keiner hier kennt. Keiner kann was über sie sagen, die sind einfach plötzlich da und hängen da rum. Müsste man uns nicht fragen? Wir haben doch das Haus mit unseren Steuergeldern bezahlt! Und: Was wollen die Fremden? Was wird von uns erwartet?

Aus dem schleichenden, unguten Gefühl wird Angst. Doch diese ist irrational. Es ist nicht schwer, diesem Gefühl entgegen zu wirken. Entweder man tut es selbst oder die umsichtige Autorität klärt auf. Leider passiert das so gut wie gar nicht. Weder stellen sich die besorgten Bürger den Neuankömmlingen, noch existiert in Deutschland eine umsichtige Autorität. Alle Aufklärung wird von diesen nervigen Gutmensch-Organisationen, die einen in der Fußgängerzone anquatschen und den verkaufsoffenen Sonntag versauen wollen, geleistet. Is‘ ja nett, dass die so gut sind, die haben aber auch nicht meine Nebenkostenabrechnung gesehen. Ich mein‘ – Hallo?

WAS es aber gibt, und das zuhauf, sind eben jene (metaphorisch zu verstehenden) Marktschreier. Sie bewerben die Angst, denn Angst ist Macht. Eine Macht, die stärker ist als jede andere Empfindung, zu der der Mensch fähig ist. Ein Urinstinkt, der uns vor Schaden warnt und damit sozusagen der wichtigste Instinkt, den wir haben. Gelingt es jemandem, die Angst eines anderen zu instrumentalisieren, dann ist der andere gebrochen. Da braucht man keine Folter zu und auch kein Strafgesetzbuch. Die Angst ist ohnehin da. Man braucht lediglich die kleine Angst zu hegen und zu pflegen bis sie groß und stark ist. Angst kann dann zu Hass auf das, was Angst macht, werden. Auf die Wespen, auf Jugendliche an der Ecke, auf Nazis, Nordkoreaner und Muslime.

Leider sind die, die unsere Angst instrumentalisieren wollen, oft geschickter als die gewählten Autoritäten. Die schlechten Leute finden die besseren Worte. Und nicht selten die besseren Fakten.

Wenden wir das einmal an: Ein muslimisch erzogener Junge in Syrien lernt von frühester Kindheit an, seinen Gott zu fürchten. Lebt er nicht nach dessen Regeln, droht ihm schlimme Strafe. Daran lässt niemand in seinem Umfeld einen Zweifel. Doch die Welt dreht sich weiter und andere Einflüsse dringen ins Land. Die Menschen machen sich Sorgen, ob diese fremden Einflüsse ihre den Regeln des Gottes angepasste Welt verändern könnte. Ob diese Einflüsse womöglich dafür sorgen könnten, dass auch sie selbst bei Gott in Ungnade fallen könnten? Die Marktschreier treten auf und bestätigen die Befürchtung. Alle müssten ihre Welt verteidigen und die fremden Einflüsse vernichten. Ist die Angst erst Hass geworden, kann die Herde nicht mehr unterscheiden, was schlechter Einfluss ist und was nicht.

Oder: Ein deutsches Ehepaar zahlt brav die Raten des gemeinsamen Reihenhauses ab. In den Nachrichten sehen sie täglich Bilder eines schlimmen Bürgerkrieges, gar nicht so weit entfernt. Eine der kriegerischen Gruppen begeht regelmäßig Anschläge in aller Welt, die vor allem gegen Unbeteiligte gerichtet sind. Dann die Nachricht, dass Menschen aus dem Bürgerkriegsland in der Nachbarschaft eine Turnhalle beziehen sollen. Am selben Tag noch droht die terroristische Gruppe im Fernsehen, Selbstmordattentäter als Flüchtlinge getarnt in alle Welt zu schicken. Es ist nur logisch, angesichts dieser Situation Angst zu empfinden. Ein Marktschreier taucht auf und ergänzt die Fakten: Es kommen fast nur junge Männer als Flüchtlinge hier an, je nach Länge des Krieges kann aus der Duldung ein dauerhafter Aufenthalt im Land angesagt sein, die Straßen sind kaputt und unsere Arbeitslosen hungern, doch diese Fremden bekommen Geld. In vielerlei Hinsicht sind diese Aussagen unstrittig, doch einseitig. Sieht der Deutsche seinen Lebensanker bedroht, wird aus Angst Panik, Wut und Hass. Unsere Lebensanker sind in der ökonomisierten Welt längst finanzielle Werte geworden. Für andere Menschen mag das Gott sein, wir aber brauchen Haus, Kind, Auto und Mallorca. Der Angriff geht also direkt an die Basis. Und die Aufwiegler wissen das. Das verängstigte Ehepaar drückt also seine Angst aus, untermauert von den gelernten und nicht bestreitbaren Fakten. Doch statt einer angemessenen Reaktion und Diskussion seitens der kommunalen Autoritäten, wird Distanz aufgebaut. Das Ehepaar wird in die Ecke gedrängt, als rechts beschimpft und ist geächtet unter Geächteten.

Was man in dem Zusammenhang nicht verachten darf: Deutschland ist längst kein Land der Bildungselite mehr. Ein 17-Jähriger kann im Internet mit Google im Rücken die meisten 50-Jährigen locker an die Wand diskutieren. Die breite Basis der Menschen, die sich aufwiegeln lassen, haben nie studiert, lesen die BILD-Zeitung und lassen sich abends von RTL berieseln. Wie sollen diese Menschen gegen das immer gleich klingende, politische Geseiher ankommen, wenn nicht mit ihrerseits auswendig gelernten, faktuösen Parolen?

Klar kann man den Vorwurf der rechten Gesinnung bei vielen so stehen lassen, vor allem ist die Massenhysterie aber ein Fehler der Politik. Nicht der Großen, die ist damit beschäftigt, sich von einer Horde Bankern in den Arsch ficken zu lassen. Die Kommunen sind gefragt. Sie geben das Geld aus, sie müssen die Flüchtlinge unterbringen, versorgen und ihnen eine Perspektive nach der Turnhalle bieten. Also sind sie auch in der Pflicht, den Menschen, denen dieses absolut wichtige und notwendige Konzept vor die Nase gesetzt wird, zu erklären, was in der Nachbarschaft vor sich geht. Sowohl die Menschen in Deutschland als auch die Flüchtlinge, die mit nichts als ihrem Leben vor dem Tod hierher geflohen sind, verdienen eine Zusammenführung. Wohin Ghettobildung und Separatimus führen, sollte nun wirklich jedem in Erinnerung sein.

Daneben muss aber auch ein anderer Vorwurf durchaus gemacht werden: Ein tatsächlich sehr wesentlicher Anteil der Flüchtlinge in Deutschland ist jung und männlich. Der meist angeführte Grund: Junge Männer haben, sind sie einmal in den Klauen des IS, der Boko Haram oder einer der anderen Mordcliquen die Wahl: Sterben oder kämpfen. Der Beweggrund zu fliehen ist absolut nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist das massenweise Zurücklassen von Frauen und Kindern, die es im besten Fall nach Libyen in die großen Flüchtlingslager schaffen. Wenn nicht, ist ihr Schicksal mindestens ebenbürtig grausam. Die Kinder sind prima Kindersoldaten, die Frauen sind spitze, um sich abzureagieren wenn‘s grad keinen zum erschießen oder köpfen gibt. Ein Fall, der subkutan bei einigen Leaking-Plattformen verbreitet wird, ist eine Massenvergewaltigung einer 14-Jährigen. Ihr wurden zuerst die Beine abgehackt, damit sie nicht mehr treten konnte, dann wurde sie von 120 Männern vergewaltigt, ehe sie ihren Verletzungen erlag (wahrscheinlich starb sie schon auf halber Strecke). Alles im Namen eines „Gottes“. Ihr Vater und ihr Bruder waren zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg nach Italien. Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ist freilich nicht messbar, dennoch gibt es unzählige belegte Fälle von Massenvergewaltigung und dem Verkauf junger Mädchen als Sexsklavinnen.

Alle friedlichen Menschen müssen vor den Kranken und Perversen, denen die Welt in Syrien und Afrika gerade völlig freie Hand lässt, beschützt werden. Jeder Mensch, der vor einem derartigen Regime davon läuft, sollte von uns begrüßt und freundlich behandelt werden. Alle wollen immer geschundene Tiere von der Straße oder vor grausamen Herrchen retten und ihnen ein schönes Zuhause bieten – aber verfolgten, verletzten, vergewaltigten und bedrohten Menschen wollen sie nicht helfen. Wahrscheinlich weil eine Katze dem Langzeitarbeitslosen nicht die in letzter Zeit seeeehr interessanten Jobangebote wegschnappt.

Es spielt in meinen Augen keine Rolle, auf welcher Seite des Mittelmeers die falschen Propheten predigen. Ob sie die Zerstückelung irgendwelcher Leute wegen angeblicher Ungläubigkeit fordern oder die Abschiebung von Menschen, die ihr Leben riskiert haben, um selbiges zu retten. Ob die Worte „Schmarotzer“, „Islamist“ oder „von unserem Geld finanziert“ sind oder „Dschihad“, „Märtyrer“ und „Gott“, ist mir scheißegal. Die einzige Chance, den Frieden bei uns zu halten und unseren Beitrag zur Deeskalation der IS-Krise zu leisten, ist es, friedlich zu sein. Unabhängig von Trugbildern (Religion), Lebensankern und steuerfinanzierten Gebäuden.