„Wie sehr ist euer Arsch grad offen?“ – Ein garendes Bad in der Suggestivsuppe
Heute ist etwas Großartiges passiert. Sozusagen ein Kommunikations-Quantensprung. Ein fernes Blitzen einer strahlenden, verheißungsvollen, perfekten Welt fassbarer, ja wahrhaftiger Sprache. Diesen Hoffnungsschimmer verdanken wir nicht den Politikern, Autoren und Scheingebildeten. Nein – im Zentrum dieses Märchens steht ein Junge namens Paul.
Doch ich greife vor.
Um zu verstehen, welchem häßlichen Untier aus den Gossen dieser schönen Sprache sich Paul mit seinem Heldenmut entgegen geworfen hat, begeben wir uns in die Welt des Sports. Oder besser gesagt an dessen Rand.
Buchstäblich.
An den Spielfeldrand.
Hier nämlich auf den heiligen Gründen zwischen Flimmerbande und Luxusgrün, dort wo beinahe tödlich verwundete Millionäre binnen Sekunden unsichtbar klaffende Fleischwunden zu heilen vermögen, wo sich im sanften Gefälle – einst zur Entwässerung des teuren Grases angelegt – der warme Sommerregen mit Nasenrotz und Spucke Ferrari fahrender 19-Jähriger vermischt wie die Tränen des Fußballgottes selbst in Rinnsalen gen Tartanbahn schlängelt, dort leben sie.
Erschaffen von hemdsärmeligen Typen und in seltsame Farben gehüllte Frauen, am Leben gehalten, wenn auch in den dunklen Gängen von sich dunkel dem Himmel entgegen dräuenden Betongerippen, wartend, sich auf die Tüchtigen und Schwitzenden zu werfen, deren fingerzählbaren IQ selbst mit kleinem Geschick an der Auslösung des rhetorischen Fluchtreflexes zu hindern und sich am verdatterten Worterbruch des Opfers zu laben.
Manch ein Trikotträger wehrte sich, focht stumm mit dem Ungetüm, starrte von Verwirrung und Trotz gezeichnet in die häßliche Fratze des Monsters, manch einer stieß gar das logobewehrte Schwert aus seinem Gesicht und trat den Rückzug an. Die meisten jedoch fielen. Fielen hart hinein in die Falle, die ihnen gestellt wurde:
Die Suggestivfrage.
Es lässt sich des Eindrucks kaum erwehren, dass dieses Stilmittel – vor Gericht übrigens meist nicht zugelassen – auf der zentralen Waldorfschule für Moderation und Sportredaktion entweder der einzige Unterrichtsinhalt war bevor nur noch die Fächer „Selbstverliebtheit“, „Simultan nachplappern, was man auf das Ohr bekommt“ und „12 Worte in 12 Minuten – wie man ein Showfinale spannend macht“ vorkamen oder aber es gab an dem Tag Gummibärchen vom Dozenten.
So oder so – der Teil ist hängen geblieben. Die Frage, ob sich jemand über einen Sieg freut ist ja auch verkalkt! „WIE SEHR freust du dich über den Sieg?“ – DAS ist doch die Frage. Und ob jemand sauer über den Fehler des Kollegen ist? Viel zu schwach! WIE SAUER ist er? Andernfalls wüsste der kickende Dimpel doch gar nicht, dass er überhaupt sauer ist.
Und weil die Schreihälse von der Seitenlinie im Fernsehen inzwischen die klaffende Lücke schließen müssen, die nach dem Sterben der Moderationsbrutstätte VIVA aufgerissen war, und sich folgerichtig jetzt schlicht überall tummeln wie die Ratten unter Berlin, haben sie das linguistische Krebsgeschwür auf alle Kanäle metastasiert.
WIE SEHR sich der Teilnehmer einer Hüpf- und Spring-Show im Privatfernsehen über den Sturz des Gegners gefreut habe? WIE SEHR die Trennung von X noch an Y nage? WIE VERLIEBT Y jetzt in Z sei? WIE GROSS war der Schmerz beim Sturz? Was soll man da sinnvolles antworten? Na eben das, was die die Patrick Stars der realen Welt (nur in reich und mit Ball am Fuß) halt auch durch den Schweiss- und Speichelsprühnebel nuscheln: „Total“, „Mega“, „Unfassbar“.
Im Alltag sind diese implikativen bzw. geschlossenen Suggestivfragen schlicht nicht praktikabel. Fragt doch mal den Kollegen morgens, WIE GUT es ihm heute geht oder WIE LANGSAM er heute gedenkt, sein Tagwerk zu verrichten. Während es bei einem der wenigen, leidlich zulässigen Frage dieser Art (14-Jährige fragt 14-Jährigen „Wie sehr liebst du mich?“) noch eine vorgeschriebene Antwort („Bis zum Mond und wieder zurück“) gibt, ist das ansonsten eher ein Gesprächskiller. Aber den eitlen Halbaffen mit den Sky-Hemden verzeihen wir es. Und die Moderatorentochter mit der Asi-Stimme darf ihre Scheisse auch bei RTL in den Äther seiern.
Was uns wieder zu Paul bringt, der es in seinem Leben nur zu Großem bringen kann. Im WDR 5 Kinderradio beantwortete Paul nämlich per Telefon ins Studio geschaltet Fragen des Moderators. Zunächst ging es um Musik und was sie bedeutet. Der Moderator lenkte das Thema auf WM-Songs um. Paul folgte souverän.
Da lässt der Moderator die Deckung fallen und befreit das Monster. Das wirft sich gierig, nicht ahnend, dass es sehenden Auges in sein Verderben, ja in die Belanglosigkeit zielt auf den 8-Jährigen. Es ist als würde die Sprache selbst den Atem anhalten, der Gefahr gewahr, in der Helden-Paul schwebt. Es scheint, als halle das ferne Gackern der Moiren durchs Hintergrundrauschen und das wetzen rostigens Stahls am Lebensfaden von Pauls rhetorischer Souveränität singt hochfrequent darüber. In die Stille malt der Mund des Moderators die Wortfalle:
„WIE SEHR freust du dich denn auf die Weltmeisterschaft?“
Paul: „Ja.“